3 Fragen an
Susann Bongers, Mediatorin, Programmleiterin und Dozentin für Konfliktmanagement an der HSLU
Der Bettag 2026 steht unter dem Motto «wahr?nehmen». Warum haben Sie zugesagt, bei der Feier als Interviewgast mitzuwirken?
Wahrnehmung ist ein Phänomen, das tief zum menschlichen Dasein gehört und unterschiedliche Wahrnehmungen führen häufig zu Differenzen. Wir sind uns nicht bewusst, dass die Wahrnehmung der anderen Person aus ihrer Position heraus aus guten Gründen anders ist. Der Pilatus stellt sich von Luzern aus anders dar, als wenn man im Eigenthal ist. Wenn dann zwei Personen miteinander telefonieren und den Berg beschreiben sollen, den sie sehen, kommen sie vermutlich nicht auf die Idee, dass es sich um den gleichen Berg handeln könnte.
Im Bettagsgottesdienst steht der Bibeltext vom Splitter und vom Balken im Zentrum (Matthäus 7,1–5). Finden Sie diesen Text in Ihrer Arbeit als Mediatorin bestätigt?
Der Bibeltext beschreibt ein Phänomen, dem wir uns als Menschen nur schwer entziehen können: In einem Streit dämonisieren wir die andere Person und sehen den Splitter beim anderen. Dabei übersehen wir unsere eigenen Fehleinschätzungen, da wir von unserer Meinung überzeugt sind. Wir alle sind fehlbar, nur sehen wir dies beim anderen viel eher als bei uns selbst. Und das liegt wiederum an unserer eingeschränkten Wahrnehmung.
Was hilft uns im Alltag, andere Menschen wirklich wahrzunehmen – gerade dann, wenn wir anderer Meinung sind?
Neugierig und wohlwollend zuhören, versuchen zu verstehen und aufeinander zugehen. Das ist etwas, das uns leider in den letzten Jahren abhandengekommen ist und ich wünsche mir, dass es gelingt, mehr davon in unserem Alltag zu erleben.