Nach OE-Entscheid: Das sagen Ratsmehrheit und Vorstand
Wie soll sich unsere Kirchgemeinde weiterentwickeln? In dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. Nach dem Nichteintreten auf den B+A zur Organisationsentwicklung legen Albert Schwarzenbach (für die Initiativgruppe) und Sonja Döbeli Stirnemann (Vorstand) hier ihre jeweiligen Positionen dar.
Ratsmehrheit möchte einfache Strukturen
Text: Albert Schwarzenbach, Mitglied Grosser Kirchenrat
Wohin soll die Reise der Kirchgemeinde Luzern gehen? Mit welchen Strukturen können wir den Herausforderungen der Zukunft, wie beispielsweise dem Mitgliederschwund oder möglichen finanziellen Sorgen, begegnen? Dies war das Thema des Organisationsprozesses der letzten Jahre. Was dabei herauskam, hat uns allerdings nicht befriedigt. Es war ein „Weiter so“, mit kleinen Retuschen, ohne klare Ziele. Wenig, das uns vorwärtsbringt.
Deshalb ist der Grosse Kirchenrat an seiner letzten Sitzung mit 15:6 Stimmen auf die Vorlage nicht eingetreten. Es ist ihr dabei nicht um Opposition gegangen, sondern um die Bereitschaft, die Zukunft offen zu denken. Den Anstoss dazu geben zwei Motionen, die der Grosse Kirchenrat ebenfalls überwiesen hat. Jede Teilkirchgemeinde soll künftig selber entscheiden können, wie sie sich organisieren will. Sie kann selbständig werden, fusionieren oder in einer neu geordneten Kirchgemeinde verbleiben.
Hilfe erhält sie von einem Dienstleistungszentrum, das nach den Bedürfnissen der Kirchgemeinden arbeitet. Ihre Trägerschaft ist rechtlich, organisatorisch und finanziell unabhängig. Damit soll ein Prozess eingeleitet werden, der für alle Beteiligten eine grosse Chance darstellt. Denn die Basis unserer Teilkirchgemeinden kann mitbestimmen, welches die erfolgversprechendsten Strukturen sind. So können von unten nach oben massgeschneiderten Lösungen entstehen – für eine lebendige Kirche mit Profil, für eine Gemeinschaft, die Menschen zusammenführt.
Natürlich verursachen neue Ideen auch Ängste. Das ist verständlich und diese Gefühle nehmen wir ernst. Soll neben den Alltagssorgen jetzt auch noch eine Strukturdiskussion geführt werden? Das kann überfordernd wirken. Aber gleichzeitig wecken diese Gespräche die Freude am Neuen, an einer Vision für die Kirche von morgen. Motiviert in die Zukunft – das ist unser Ziel. Gemeinsam werden wir es schaffen.
Albert Schwarzenbach
Hinter dem Vorhaben steht eine Denkwerkstatt des Grossen Kirchenrats mit vielen Unterzeichnenden.
Vorstand sucht weiterhin den Dialog
Text: Sonja Döbeli Stirnemann, Präsidentin Kirchenvorstand
Der Grosse Kirchenrat ist an seiner Sitzung im Juni nicht auf den Bericht und Antrag zur Organisationsentwicklung eingetreten. Das verunmöglichte leider eine Diskussion zum Thema, was der Vorstand sehr bedauert. Es wäre der richtige Moment gewesen, sich über den Bericht der Arbeitsgruppe auszutauschen und das skizzierte Vorgehen gemeinsam zu konkretisieren. Unzählige Personen haben sich über Monate engagiert und über die künftige Organisation nachgedacht. Dass der Grosse Kirchenrat es nicht für nötig hielt, darüber zu diskutieren, empfinden viele als Affront.
An der Ratssitzung wurden zudem zwei Motionen zum Thema überwiesen und weitere Forderungen gestellt. Wir sind aktuell daran, die Motionen und Forderungen zu prüfen. Wir haben aber bereits an der Ratssitzung signalisiert, dass gewisse Forderungen die Kompetenzen des Grossen Kirchenrats übersteigen. Unsere Kirchgemeinde hat heute ein Parlament und einen Vorstand. Legislative und Exekutive sind getrennt. Diese Gewaltenteilung gilt es einzuhalten und zu respektieren. Weder Parlament noch Vorstand können sich darüber hinwegsetzen. Irritierend ist zudem folgende Forderung der Motionäre: Teilkirchgemeinden sollen künftig selbst entscheiden können, wie sie sich organisieren. Diese Forderung ist unnötig, denn das können sie bereits heute.
Was für den Vorstand ebenfalls sehr enttäuschend ist: Wir haben einen breit abgestützten partizipativen Prozess hinter uns. Dabei haben insbesondere alle Präsidien der Teilkirchgemeinden aktiv mitgewirkt und sich klar für den vorgeschlagenen Weg der Arbeitsgruppe ausgesprochen. Die Mitglieder des Grossen Kirchenrats hingegen haben sich in den Austauschgefässen zur Mitwirkung kaum eingebracht. Die Ratsmehrheit interessierte sich nicht dafür für die Haltung der Teilkirchgemeinden und setzte sich über deren Wunsch hinweg. Die Parlamentsmehrheit hat somit an der Basis vorbei politisiert. Zwischen Kirchenbasis und Kirchenparlament besteht eine Kluft.
Wir haben den Dialog bisher immer gesucht und werden dies auch weiterhin tun. Wir wünschen uns eine Organisationsform, die das kirchliche Leben bereichert und von der Basis mitgetragen wird. Dass der Grosse Kirchenrat die Zukunft der Kirchgemeinde aktiv mitgestalten will, begrüssen wir sehr. Ein wirkungsvolles Miteinander gelingt aber nur dann, wenn alle bereit zum Dialog sind, sich von fixen Vorstellungen lösen und die Gewaltenteilung respektieren.