Alle läuten anders

Jede Teilkirchgemeinde der Kirchgemeinde Luzern hat ihre eigene Läutordnung. Weshalb und wie wir heute läuten, zeigt ein Blick nach Kriens. 

Dienstag, 13. Oktober 2026

Johanneskirche Kriens Johanneskirche Kriens

Die Geschichte der Kirchenglocken in der Schweiz reicht weit zurück. Ein eindrückliches Zeugnis dafür ist die Gallusglocke in der Kathedrale St. Gallen. Sie gilt als älteste erhaltene Glocke der Schweiz und stammt vermutlich aus dem 7. Jahrhundert. Die kleine, geschmiedete Handglocke wird mit dem heiligen Gallus in Verbindung gebracht, der auch Stadtpatron von Kriens ist. Vor allem aber erzählt sie von der frühen klösterlichen Tradition des Läutens. Glocken riefen Mönche und Nonnen zu Gebetszeiten, Gottesdiensten und gemeinsamen Tätigkeiten zusammen. Ihr Klang ordnete den Alltag im Kloster. «Mit der Zeit wurden die Glocken grösser und in Kirchtürmen aufgehängt. Dadurch konnten sie über weite Entfernungen gehört werden und erreichten nicht mehr nur die in der Klostergemeinschaft lebenden Ordensleute, sondern die gesamte Bevölkerung», sagt die Krienser Pfarrerin Susanne Hug-Maag. «Ihre wichtigste liturgische Funktion ist bis heute der Ruf zum Gottesdienst und zum Gebet.» Dieser Ruf ist längst nicht der einzige Anlass. Glocken erklingen vor und an kirchlichen Festtagen, bei Hochzeiten und Beerdigungen. Und manchmal geben sie einem Ereignis einen Klang, für den Worte kaum ausreichen. So läuteten Kirchenglocken auch im Gedenken an die Opfer der verheerenden Brandkatastrophe von Crans-Montana. Zu Beginn des Ukrainekriegs läuteten europaweit die Kirchenglocken als Zeichen des Protests und der Solidarität mit der Ukraine. Glocken können auch ein Zeichen der Hoffnung sein. Am 8. Mai 1945 läuteten Kirchenglocken zum Ende des 2. Weltkriegs für den Frieden.

Klang als Uhr, Warnung und Nachricht
Über Jahrhunderte waren Kirchenglocken nicht nur für das religiöse Leben wichtig. Sie erfüllten ganz praktische Aufgaben. Bevor Uhren selbstverständlich wurden, war der Glockenschlag ein weithin hörbarer Zeitmesser. «Da es keine Uhren gab und später nicht jeder Mensch eine Armbanduhr besass, strukturierte das Glockenläuten den Tag», erklärt Susanne Hug-Maag. Glocken konnten aber auch warnen. Vor Feuer, vor Unwettern oder anderen Gefahren. Ihr Klang rief Menschen zu Versammlungen zusammen und verbreitete Nachrichten. Dabei kam es genau darauf an, wie geläutet wurde. Zeitpunkt, Dauer und Art des Geläuts vermittelten unterschiedliche Botschaften.

Totengeläut als Verbindung
Bis heute sichtbar ist diese Verbindung zwischen kirchlicher und gesellschaftlicher Funktion beim Totengeläut. Je nach Läutordnung wird zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Glocken geläutet. In Kriens erklingt am Vortag einer kirchlichen Bestattung um 16 Uhr die grosse Glocke, die Glocke Nummer 1, während vier Minuten. Am folgenden Tag begleitet die Glocke Nummer 2 die Trauergemeinde auf dem Weg vom Friedhof Kriens zum Gottesdienst in der Johanneskirche, falls die Trauerfeier dort stattfindet. «Somit verbindet das Totengeläut religiöse und gesellschaftliche Funktionen», sagt Susanne Hug-Maag. «Es erinnert an einen Verstorbenen und informiert gleichzeitig die Gemeinde.»

Jede Kirche läutet anders
Die Teilkirchgemeinden der Kirchgemeinde Luzern haben jeweils ihre eigene Läutordnung. Darin spiegeln sich lokale Traditionen und Bräuche. Was wann und wie lange erklingt, kann sich deshalb von Kirche zu Kirche unterscheiden. Die reformierte Johanneskirche in Kriens besitzt ein fünfstimmiges Geläut. Eine Turmuhr gibt es nicht. Auch Glockenschläge zur Viertel-, Halb- und vollen Stunde kennt Kriens nicht. Eine wichtige Ausnahme erklingt täglich um 12 Uhr. Dann läutet die Glocke Nummer 2 während fünf Minuten. Dieses Mittagsläuten ist eine alte Tradition und nicht mit einer Veranstaltung in der Kirche verbunden.

Fester Rhythmus in Kriens
Daneben folgt das Krienser Geläut Woche für Woche einem festen Rhythmus. Am Samstag um 17 Uhr wird mit allen Glocken der Sonntag eingeläutet. Findet am Sonntag ein Gottesdienst statt, erklingen vor dessen Beginn während zehn Minuten ebenfalls alle Glocken. Ein Ausläuten nach dem Gottesdienst, wie es andernorts üblich ist, kennt die Johanneskirche hingegen nicht. Zu diesem vertrauten Wochenrhythmus kommen besondere Tage im Jahreslauf.
Am Karfreitag, in der Osternacht, an Auffahrt und bei Abendgottesdiensten und Konzerten wird «von Hand» geläutet, zusätzliche programmierte Geläute gibt es am 1. August, an Heiligabend und Weihnachten, an Silvester und Neujahr. «In der Neujahrsnacht wird es besonders eindrücklich» sagt die Krienser Pfarrerin Susanne Hug-Maag. «Mit allen fünf Glocken wird das alte Jahr 10 Minuten lang ausgeläutet und das neue Jahr ab 00:01 Uhr während 14 Minuten eingeläutet.»