Kirchensplitter
Alt?
«Wer von Ihnen ist alt?», fragte die Professorin beim Einstieg in ihren Vortrag zur Seelsorge im Alter.
Mit dieser Frage hatten die Anwesenden offenbar nicht gerechnet. Ein Raunen ging durch die Sitzreihen. Bin ich alt? fragte auch ich mich. So alt, dass ich die Frage mit Handerheben bejahen muss? Zugegeben, jung bin ich nicht mehr. Aber bin ich alt, weil mein Geburtsjahr im letzten Jahrtausend liegt und meine Haare immer weisser werden? Ich entschied spontan, meine Hand nicht zu heben. Und ich beobachtete, dass viele Andere es ebenso machten. Nur wenige hoben ihre Hände. Und schon folgte die nächste Frage: «Wer von Ihnen hat alt werden zum Ziel?» Eine weitere knifflige Frage, dachte ich bei mir und behielt meine Hand nochmals unten. Die neuere Forschung unterscheidet zwei unterschiedliche Altersphasen: Die Phase der jungen, noch rüstigen und aktiven Alten (ungefähr zwischen dem 60. und dem 80. Altersjahr, sog. Drittes Lebensalter) und die darauffolgende Phase der alten Alten bzw. der Hochaltrigkeit (ab dem 80. Altersjahr, sog. Viertes Lebensalter), welche häufig durch zunehmende Fragilität, gesundheitliche Probleme und Unterstützungsbedarf geprägt ist. Unter diesen Gesichtspunkten habe ich spontan richtig abgestimmt.
In Gesprächen höre ich immer wieder, dass Menschen nur gesund alt werden wollen. Und muss dann leider zur Kenntnis nehmen, wie Krankheiten Menschen mit zunehmendem Lebensalter quälen und ihre Lebensqualität beeinträchtigen. Mich ärgert daher der schnell daher gesagte Spruch: «Hauptsache gesund!» Er widerspricht nicht nur der Realität des Lebens, sondern wertet alte Menschen ab, indem er suggeriert, dass nur ein gesundes Leben ein wertvolles Leben ist. Ein hundertjähriger Arzt und Psychoanalytiker hat ein Buch geschrieben, um Personen jenseits von 90 dazu anzuregen, ihre persönliche Lebensphase befriedigend zu gestalten. Er beschreibt eindrücklich das Versagen des Körpers und die Reifung der Person im hohen Alter. Für mich ist es eine Ermutigung für das Leben im Alter und ein Plädoyer für mehr Gelassenheit, Phantasie und Heiterkeit. In Begegnungen spüre ich oft auch eine grosse Dankbarkeit alter Menschen für ihr Leben, obwohl sie Schweres durchgemacht haben. Ich meine, wir können viel lernen von alten Menschen. «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat» (Psalm 103,2).
von Pfarrerin Lilli Hochuli