Kirchensplitterr
Schweizerpsalm
Am Bettag wurde sie wieder gesungen: Unsere Nationalhymne seit 1981, der Schweizerpsalm: "Trittst im Morgenrot daher…". Mit allen vier Strophen, hoffentlich! Nicht so wie jene Lehrerin, über die die Medien berichteten, die "mit Rücksicht auf die anderen Religionen" ihre Schützlinge nur die erste Strophe lernen liess. Das Problem ist klar: Der Mönch Alberich Zwyssig hat den Psalm 1841 zusammengestellt. Damals war die Schweiz ein christliches Land. Jetzt sind die Nichtchristen in der Mehrheit.
Was ist stossend? Der Autor ordnet den 4 Strophen bestimmte Eigenschaften Gottes zu: Herrlich und hocherhaben (Strophe 1), menschenfreundlich und liebend (2), unergründlich und ewig (3), allmächtig und rettend (4). Dem Wort "Gott" lassen sich also Eigenschaftsworte zuordnen.
Dadurch wird aus einem abstrakten Begriff ein gedichtetes, ein lebendiges Wort, das zu berühren vermag. Und dass man interpretieren muss, wie jedes Gedicht. Und dann bemerkt man schnell: Ein liebender Gott ist im Islam nicht ganz dasselbe wie im Christentum. Und in jeder unterschiedlichen Ausrichtung innerhalb von Christentum und Islam bedeutet es auch etwas anderes. So kann man Begriff für Begriff durchgehen, und sich auch noch mit Atheisten daran freuen, dass Zwyssig kein dogmatischer Theologe, sondern eher ein offener Geist war, der im Blick auf Gott mehr "ahnt" als weiss.
Das Schöne an der Sprache sind doch die Interpretationsaufgaben, die sie uns gibt. Verzichtet man auf Strophen, verlernen die Kinder, Texte zu interpretieren. Ihre Lehrer/innen reduzieren die Sprachfähigkeit ihrer Kinder auf Ja/Nein-Antworten, in dem Sinne: Die eine Strophe passt den Muslimen nicht, die andere den Konfessionslosen nicht. Als sei das so klar.
Persönlich bin ich ein Freund eines neuen Textes für unseren Psalm. Er beginnt mit "Weisses Kreuz auf rotem Grund" und orientiert sich in schönen klaren Worten an der Präambel unserer Verfassung.
Allerdings … kann man damit leider keine spannende Religionslektion gestalten…
Christoph Thiel, Pfarrer