Kirchensplitter
Länger oder kürzer leben
Wieviel Zeit habe ich noch? Seitdem ich das 60. Lebensjahr überschritten habe, kommt mir gelegentlich diese Frage. Sind es 10 Jahre, oder 20? Mit Glück werde ich vielleicht über 90.
Ich schaue mich um und sehe: Ich bin nicht der Einzige, der die Sehnsucht hat, möglichst alt zu werden. Man sagt heute auch: Wie alt ich werde, hängt nicht nur von Glück oder den Genen ab, sondern von dir selbst. Also tu was! Sei vorsichtig! Schlafe genug! Esse das Richtige! Bewege dich! Denn länger leben ist erstrebenswert.
Wenn ich mich dem Druck des Länger-Leben-Müssens entziehen will, schaue ich auf die, die es anders machen. Manche leben ein sehr intensives und gefährliches Leben. Bergsteiger/innen, die davon erzählen, dass sie sich nur lebendig fühlen, wenn sie am Berg sind. Dahinter steckt eine bestimmte Philosophie der Lebendigkeit, die man heute gerne in dem Satz zusammenfasst: "Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben."
So gibt es offensichtlich zwei gegenläufige Trends in unseren westlichen Gesellschaften. Und wo stehe ich? Beide Haltungen üben eine gewisse Faszination auf mich aus: Der Ruf zum kontrollierten und der Ruf zum intensiveren Leben. Aber an beiden Haltungen mag ich deren narzisstische Anteile nicht. Sozialwissenschaftler kritisieren die Longevity-Bewegung, weil sich nur die Reichen die Körperpflege und die vielen Vitamin-Booster leisten können. Und auch eine hohe Erlebnisintensität kostet etwas. Für die einen sind es die schnellen Autos. Für die anderen der 8000er. Und dann passieren solche Dinge wie die, dass der Träger am Berg sterbend zurückgelassen wird. Hauptsache die, die bezahlt haben, kommen zu ihrem Gipfelerlebnis.
Und ich beginne zu ahnen, wie eng Sinn und Unsinn in beiden Haltungen beieinanderliegen. Der den Träger im Himalaya rettete, statt auf den Gipfel zu gehen, schenkte diesem und seiner Familie Jahrzehnte an Leben. Und sich selbst das Gefühl, das Sinnvollste getan zu haben.
Christoph Thiel, Pfarrer