Kirchensplitter

Schreiben ist Gold

In den Konfirmandenkursen stelle ich regelmässig die Aufgabe, eine Trauerkarte zu verfassen. Geschrieben für eine fiktive Person in Trauer. Dazu suchen sich die Kursteilnehmer eine Karte aus und erhalten von mir eine Art Bedienungsanleitung. 

Dienstag, 6. Januar 2026

Eigentlich soll es da um sprachliches Handwerkszeug gehen; wie kann man einfühlsam, authentisch und ohne grobe Fehler etwas schreiben. Nicht belehrend wirken und keine Floskeln verwenden ("Der Tod ist und bleibt die dunkle Grenze unseres Lebens … wie schon Goethe sagte… " usw.), nicht übertreiben ("wegen deines unermesslichen Schmerzes … bin ich Tag und Nacht für dich da").

Seit einiger Zeit verstärkt sich ein anderes Problem. Die Texte, die mir vorgelegt werden, sind oft gar nicht an die Trauernden gerichtet. Viele beschäftigen sich mehr mit dem eigenen Schmerz als mit dem Schmerz der Betroffenen: "Es ging mir furchtbar schlecht, als ich die Nachricht hörte …".  Manche schreiben gar an die Verstorbenen: "Du hast es sehr schwer gehabt, bevor du gestorben bist". Empathie mit anderen Menschen, die noch da sind, scheint eine zu grosse Aufgabe zu sein.

Mache ich darauf aufmerksam, dass es doch um Stärkung der Trauernden geht, sehe ich zunächst in ungläubige Gesichter, bevor sich eine Mischung aus Scham und Erleichterung die Bahn bricht: ""Ach ja, stimmt, wie konnte ich nur …?".

Oder es hat etwas damit zu tun, dass wir immer weniger schreiben. Das langsame Schreiben ermöglicht, überlegt zwischen Sender und Empfänger eine Balance zu finden. Getreu dem Jesuswort: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In der Schriftlichkeit wird mir Zeit geschenkt, diese Balance zu finden.

Wir halten heute lieber das Smartphone vor den Mund. Erledigt! Der Empfänger hätte für die Schriftnachricht 3 Sekunden zum Lesen gebraucht, für das Hören aber deren sechzig. Ich spare Zeit beim Aufsprechen, brumme sie aber dem anderen auf. Ob der Empfänger Zeit hat, ist mir egal. Ich versetze mich doch nicht in seine Lage.  

Schreiben ist Gold. Das klingt wie "Früher war alles besser!" Soll es aber nicht. Eher so: "Das könnte ein neuer Trend werden!".

Pfarrer Christoph Thiel